JOURNAL

Sieger und Sonderpreis gekürt: euroterra. Architekturpreis für junge Planer

 

„Emotionale Qualität in der Kohärenz der Planung“, „Gestaltung und Ausführung mit Fokus auf die Bewohner“, „hohes Maß an Angemessenheit“, „Mensch. Raum. Zeit. haben hier eine gestalthafte Entsprechung gefunden“ lauten die lobenden Urteile der Jurymitglieder, die am 01. und 02. Oktober 2020 die eingegangenen Bewerbungsprojekte auf den euroterra. Architekturpreis für junge Planer „Mensch. Raum. Zeit. - Funktionale Architektur von Bauten im Gesundheitswesen / Krankenhausbau“ in Hamburg gesichtet und bewertet haben.

Als wir die Auslobung des Preises Ende 2019 angekündigt haben, ahnten wir noch nichts von den pandemiebedingten Herausforderungen, die uns kurz nach der Auslobung Anfang März 2020 für einige Zeit begleitet haben und auch weiterhin begleiten werden. Daher haben wir uns sehr gefreut, dass wir trotz der Einschränkungen im Büroalltag vieler Planungsbüros und im Studienalltag der Studierenden das Interesse an dem euroterra. Architekturpreis wecken konnten und Bewerbungen auf den Preis aus ganz Europa erhalten haben. Somit konnte die Jury, bestehend aus
 

  • Frank Engelbrecht,
    Gemeindepastor an der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg,
  • Professor Dr. Jürgen Graf,
    Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender, Universitätsklinik Frankfurt,
  • Dipl.-Ing. Architekt Daniel Kinz,
    Gössler Kinz Kerber Schippmann Architekten BDA und 1. Vorsitzender Bund Deutscher Architekten und Architektinnen der Freien und Hansestadt Hamburg e.V.,
  • Dr. Frank Mau,
    Geschäftsführer, Evangelische Kliniken Essen-Mitte,
  • Joachim Prölß,
    Vorstand und Direktor für Patienten- und Pflegemanagement, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf,
  • Dipl.-Ing. Architekt und Bauingenieur Marc Ewers,
    Geschäftsführer, euroterra. architekten ingenieure,
 

acht zur Teilnahme zugelassene, sehr individuelle und interessante Projekte von jungen Planungsbüros sichten, zwei Büros als Preisträger küren und zusätzlich einen Sonderpreis vergeben.

Während der Beratung des Gremiums, welche konkreten Kriterien für die zu bewertenden Projekte „Mensch. Raum. Zeit. – Funktionale Architektur von Bauten im Gesundheitswesen/Krankenhausbau“ priorisiert zu betrachten sind, kam die Jury auf den einheitlichen Konsens, dass neben ökologischer, soziokultureller und funktionaler, Prozess- und Standortqualität, letztendlich der „Perspektivwechsel“ von Seiten der Planenden erkennbar sein sollte, um die Bedarfe der Nutzer (oder auch Prozesse), der Menschen - einerseits als Funktionsträger andererseits als Individuum zu sehen - ganzheitlich zu verstehen und für die Planung der Krankenhausbau bzw. Gesundheitsbauten berücksichtigen und umsetzen zu können. Dieser vorgenommene Perspektivwechsel spiegelt sich in einer „emotionalen Qualität“ wider, die ebenfalls als ein Kriterium zur Bewertung der Projekte Berücksichtigung finden sollte. Dazu zählt die emotionale oder psychologische Wirkung der Projekte auf die Beurteilenden bzw. jedes einzelne Jurymitglied einerseits und anderseits nach Umsetzung der Bauvorhaben auf die unterschiedlichen Nutzergruppen, d.h. Wohlbefinden oder Unbehagen aufgrund kritischer Einschätzung von Räumen oder auch das Empfinden hinsichtlich der Farbgestaltung, Materialbestimmung, Dimension, Einbindung in das räumliche Umfeld, Umgang mit Licht, Klangeindruck, Umgang mit Frischluft, Proportionen „menschliches Maß“ o.ä.

Während zwei Wertungsrundgängen und Berücksichtigung der entscheidenden Kriterien entschied die Jury, dass der Neubau des heilpädagogischen Förderzentrums Friedrichshulde (HTT ARCHITEKTEN GbR, c/o BUSCH & TAKASAKI Architekten, Schönstedtstr. 7, 12043 Berlin) die Kriterien vollumfänglich erfüllt und wählt das Projekt einstimmig mit folgender Beurteilung zum erstplatzierten Projekt:
„Der Siegerentwurf der HTT ARCHITEKTEN für den Neubau des heilpädagogischen Förderzentrums Friedrichshulde e.V. überzeugte die Jury in besonderer Weise.
Dem Leitgedanken „Mensch. Raum. Zeit. – funktionale Architektur von Bauten im Gesundheitswesen / Krankenhausbau“ folgend, gelingt es dem Siegerentwurf, die Nutzung der Liegenschaft ökologisch, soziokulturell und funktionell fort und dennoch räumlich nicht weg zu entwickeln. Hierbei werden die Bezugsräume der Gesamtanlage in einem Ensemble-Charakter aufgenommen. Die architektonische Gestaltung der Häuser und Räume wurde zukunftsorientiert und mit einem flexiblen räumlichen Anpassungskonzept geplant. Die bewusst gewählte nachhaltige Holzbauweise fügt sich ideal in das naturbelassene Grundstück mit seinem alten Baumbestand ein.

Es zeigt sich in den Plänen und den fotographisch dargestellten baulichen Entwicklungsschritten eine entsprechend gefällige und gleichsam elegante Einbettung einer technisch und ökonomisch klug gewählten und nachhaltig ausgeführten Grundstruktur in Holzständerbauweise in die Gegebenheiten der Gemarkung. Die Reduktion der Verkehrsflächen insgesamt führt zu einer prominenten Hol- und Bring-Situation mit zwei Parkplatzanlagen im Osten des Areals. Die Jury kritisiert lediglich, dass in den Planunterlagen bzw. in der ergänzenden textlichen Beschreibung nicht auf die gewählte Platzierung der Verkehrsflächen eingegangen wurde. Möglicherweise ist hier der Ansatz der wichtigen Bedeutung für das wiederkehrende Abholen (und Hinbringen) der Bewohner und deshalb auch emotional zentral oder aber als Teiler der Funktion des Geländes und somit funktionaler Natur zu sehen.

Eine der besonderen Stärken und ausschlaggebend für die Erstplatzierung des Entwurfs ist die gleichsam entstandene emotionale Qualität, die sich nicht exemplarisch an Einzelaspekten zeigt, sondern in der Kohärenz der Planung, Gestaltung und Ausführung mit dem Fokus auf die Bewohner, die Nutzung und die Umgebung zum Tragen kommt.

Mensch. Raum. Zeit. haben hier eine gestalthafte Entsprechung gefunden.“
Als zweitplatziertes Projekt stimmte die Jury für das Hospice, Cittadella dell’Immacolata Hospice of Bagnara Calabra (Paola Elena Maghenzani, Viale della Cavallaria 15, 73100 Lecce, Italy) und urteilte:
„Die Jury des euroterra Architekturpreises hat entschieden, das Projekt Hospice - Citadella dell‘Immacolata auszuzeichnen und mit dem zweiten Platz im Wettbewerb zu würdigen. Das Projekt kann in Hinsicht auf eine Reihe der vergebenen Bewertungskriterien überzeugen. Hervorzuheben sind aus Sicht der Jury Standortqualität und emotionale Qualität. Die Planerin hat in Abstimmung mit den auftraggebenden lokalen Behörden einen Standort für das geplante Hospiz gewählt, die sich durch eine überaus malerische Landschaft mit üppiger mediterraner Vegetation mit Oliven, Wein und Blick über das Thyrrenische Meer auszeichnet. Hier plant die Architektin eine Anlage, die sich wie ein Kloster einschmiegt in diese - wie sie es selbst beschreibt - nahezu mystische Landschaft, eine Mischung aus den Gärten Eden und Gethsemane. In dieser Topografie macht die vorgeschlagene Architektur das Neben- und Ineinander von Werden und Vergehen sinnlich erfahrbar und öffnet so möglicherweise Türen für die Annahme eigener Verletzlichkeit, von Leid, Sterblichkeit und Tod. Dabei haben die Projektverantwortlichen nicht nur die Patientinnen und Patienten und das professionelle Personal im Blick, sondern auch Familien und Nahestehende, welche das Projekt explizit als nicht zu ersetzende Mitwirkende im Prozess von Heilung oder Abschied versteht. Das schlägt sich auch in der Architektur wider, die Innen- und Außenräume gleichermaßen für das professionelle Personal, für Angehörige und Patientinnen und Patienten bietet. Hier liegen auch ausgeprägte soziokulturelle und funktionale Qualitäten des Projekts, indem die Architektur auf das Zusammenspiel aller Beteiligten mit Landschaft und Geschichte des Ortes setzt. Kritische Nachfragen kamen in der Jury hinsichtlich der architektonischen Entscheidung, die Räume des Abschieds und auch des Überführens Verstorbener in den Untergeschossen unterzubringen. Die Untergeschosse gründen das Haus, indem sie die landschaftliche Senke füllen, über die das Hospiz errichtet werden soll. Gewiss entsteht auf diese Weise eine unter Umständen beabsichtigte Abgeschiedenheit und Intimität, die dem Thema des Sterbens für die Betroffenen entgegenkommen mag. Allerdings steht das in einem gewissen Widerspruch zu der ansonsten praktizierten Transparenz und Offenheit, mit welcher das Projekt das Thema Leben und Sterben angeht.

Positiv bewertete die Jury die ökonomische Qualität des Projekts. Für eine ökonomische Nachhaltigkeit sorgt die angestrebte modulare Bauweise, welche zukünftige Umnutzung und Weiterentwicklung von einzelnen Räumlichkeiten sowie der gesamten Anlage ermöglichen soll. Das gibt viel Raum für die innovative inhaltliche und räumliche Weiterentwicklung des Projekts.
Zusammenfassend kommt die Jury zum Entschluss, das Projekt als in jedem Falle preiswürdig zu beurteilen. Dem tut die vorgebrachte Kritik keinen Abbruch, will sie doch als Ausdruck einer zugewandten Neugier verstanden werden, die angeregt durch das Projekt gerne noch mehr gewusst hätte und sich inspiriert fühlte eigenständig weiterzudenken.

In diesem Sinne freut sich die Jury des euroterra. Architekturpreises dem Hospice - Citadella dell‘Immacolata den zweiten Preis dieses Wettbewerbs verleihen zu dürfen.“
Aufgrund der besonderen Thematik und angemessenen Projektpräsentation „Refugium Regenerativum“ hat die Jury in Absprache mit der Ausloberin einen Sonderpreis an Philipp Knaus, Masterstudium Architektur, 4. Fachsemester an der TU Braunschweig, Institut für Konstruktives Entwerfen, Industrie- und Gesundheitsbau, verliehen und begründet die Auszeichnung wie folgt:
„Der Entwurf für ein „Refugium Regenerativum“ beschäftigt sich mit der Frage, wie in wenig entwickelten Ländern eine Gesundheitsversorgung sichergestellt werden könnte, die neben der reinen Behandlung auch die Lebensumstände und gesellschaftlichen Verhältnisse der Kranken berücksichtigt.

Ausgehend von dem Gedanken, dass ein solcher Krankenhausbau mit lokalen Baumaterialien von lokalen, möglicherweise nicht umfassend ausgebildeten Handwerkern errichtet werden sollte, entwickelt die Arbeit eine eingeschossige Anlage mit deutlich ablesbaren unterschiedlichen Nutzungsbereichen. Notaufnahme, Operationsbereiche mit durchdachter Wegeführung und Entbindungsstation sind ebenso vorhanden wie die Patientenzimmer.

Die Patientenzimmer sind – ungewohnt für die Betrachtung aus der sogenannten ersten Welt – ohne eigene Wasserversorgung als Mehrbettzimmer geplant. Solche Vorschläge reagieren auf die örtliche Situation, in der die Nutzung der Wasserversorgung allen Patienten vorbehalten und von den zahlreichen Besuchenden getrennt werden soll. Die Versorgung der Kranken durch Familienmitglieder stellt eine weitere Herausforderung dar, die sich in der architektonischen Haltung logisch abbildet. Die Flügel der Anlage bilden Innenhöfe, in denen Aufenthaltsflächen angeboten werden und ausreichend Platz für Patienten und Besucher vorhanden ist.

Das Projekt zeichnet sich durch ein hohes Maß an Angemessenheit aus. Zum Teil durchbrochene Ziegelwände, offene Holztragwerke und geneigte Dächer, die in einigen Bereichen zur Vermeidung von Überhitzung vom eigentlichen Behandlungsraum abgelöst sind, schaffen eine anregende, regional verbundene und aufgeräumte Atmosphäre. Ein gelungener Beitrag, der den Menschen in den Mittepunkt stellt und eine wichtige Thematik eindrucksvoll durcharbeitet.“

Wir gratulieren den Preisträgern und bedanken uns herzlich bei allen Bewerberinnen und Bewerbern sowie der Jury für diese konstruktive und umsichtige Jurysitzung. Aufgrund der anhaltenden Covid 19-Pandemie sind wir angehalten, die feierliche Preisverleihung auf den Frühsommer 2021 zu verlegen und freuen uns bereits jetzt darauf, die Preisträger und Preisträgerin, Bewerberinnen und Bewerber und Jurymitglieder des euroterra. Architekturpreises in Hamburg begrüßen zu können.

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